1947 Cheval Blanc – I am Legend

 

 

 

 

 

Irgendwann rund um den Jahreswechsel (wahrscheinlich kurz danach) war ich auf der Suche nach meinem individuellen, persönlichen und subjektiven „Wein des Jahres“. Dass ich die Suche bei den interessanteren Verkostungen beginne, war klar. Und da war gleich am Anfang des Jahres diese unvergessliche Raritätenprobe in Bochum, organisiert von Uwe Bende. Ein Haufen ganz formidabler (wirklich) alter Weine, die da in Reih und Glied standen. Der 1727 Apostelwein, ein 1870er Niersteiner und ein 1874er Aßmannshäuser Spätburgunder. Einen älteren deutschen Rotwein werden Sie schwerlich finden. Da waren aber auch ein 1928er Gruaud Larose, eine spannende 1955er Serie: La Mission, Haut Brion und Pontet Canet und der – für mich unvergessliche – 1929 Château Pétrus. Aber von dem erzähle ich ein anderes Mal.

Heute Cheval Blanc 47. Mir ist klar, dass das Wein eine Legende ist. Ob Nony, Cruse, Nicolas oder Vandermeulen (oder doch Château-Abfüllung) scheint dabei eine Glaubensfrage von untergeordneter Bedeutung zu sein. Über das Ergebnis sind sich die meisten recht einig. Und der Wein ist auch perfekt. Auch jetzt, mit 65 stolzen Jahren am Buckel. Der Wein präsentiert sich in noblem Rubin, nichts in seiner Erscheinung deutet auf sein Alter hin. Die Aromen tun das schon eher. Unglaublich intensiv: frisch gegerbtes Leder, gegrillter frischer Paprika, überhaupt recht nah an Antipasti: pomodore secchi und/oder  Tomatenmark und eine ganz klare Balsamico-Note. Nach einiger Zeit entwickelt sich eine atemberaubend schöne Komplexität. Die würzigen Noten geben den Ton an und zeigen abwechselnd: Kreuzkümmel, Paprika (immer wieder), Pfeffer. Gut, und dann sind da noch die in Madeira eingelegten Früchte. Ein Erlebnis, ganz ohne Frage. Am Gaumen ist der Wein vor allem eines: unwahrscheinlich lang.

Ich stehe also vor einem Dilemma. Der Wein ist sehr nah an der Perfektion, und ich habe selten einen derart harmonischen und in sich stimmigen Wein getrunken. Trotzdem. Mit der Harmonie habe ich es nicht so. Mir fehlen einfach die Ecken und Kanten, das Unrunde, Rebellische. In I am Legend geht es um einen Typen, der zwar Held ist, für den die Geschichte aber trotzdem nicht gut ausgeht. Also ja, der 47er Cheval Blanc ist ein Held. Aber er ist nicht mein Held.

 

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