Piper-Heidsieck: Der Glanz der Kathedrale

 

 

 

 

 

Es war ein Abend, um zu zeigen, dass Champagner mehr als ein Aperitif ist. Das war mir davor auch schon klar. Trotzdem war es hochgradig spannend. Erstens, weil die Weine von Régis Camus, dem treuen Kellermeister richtig Spaß machen. Ganz alleine, aber auch als Begleiter zu den Gerichten aus der kleinen großen Küche der geheimen Specerey. Dominique Cima-Sander, International Brand Ambassador des Hauses Piper-Heidsieck, hat die Verkostung moderiert.

 

Am Anfang draußen. Es ist Mitte Oktober, Sommer und Herbst waren bislang – sagen wir – ‚suboptimal’ und an diesem Tag hat es eine Stunde nach Sonnenuntergang noch über 20 Grad. Also draußen. Canapés vom Weideschwein, dazu Cuvée Brut. Hoher Fun-Faktor, fruchtig, lustig, unkompliziert. Eine Spur ernst kommt mit dezenter Rauchigkeit und den hefigen Brioche-Noten ins Spiel. Die Frucht: gelber Apfel, Mandarine, Sauerkirsch. Hier hat eindeutig der Pinot das Sagen. Nach dem Herumstehen vorm Lokal geht es Schlag auf Schlag.

 

Piper-Heidsieck ESSENTIEL
Das macht erst Spass! Der Essentiel (eine Cuvée aus Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay) ist ein expressiver, juveniler, blitzsauberer und feingliedriger Champagner. Die Basis des Weins sind die Grundweine der Jahrgänge 2008 und 2009, cuvetiert mit bis zu 10 Jahre alten Reserveweinen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Da sind: Heublume, Birnen-Jus, Quitte, Meyer-Zitrone. Nicht lachen. Meyer! Gereicht wird der Essentiel zur genialen Garnelenbox, relativ neu in der Karte von Felleis und Knittelfelder. Lässt man die beiden Saucen beiseite, offenbart sich Großartiges. Die feine Textur und die Frische passen so gut zu Patrick Grülls sensationellen Garnelen, dass es eine Freude ist.

 

Piper-Heidsieck 2006 Vintage Brut
Es ist der aktuelle Vintage des Hauses, und er hat alle Voraussetzungen, ein ganz großer zu werden. 2006 war – vor allem für den Chardonnay in der Champagne in guter Jahrgang. Beim 2006er führte das dazu, dass der Chardonnay-Anteil 52 % ausmacht. Mehr als sonst üblich. Die Fruchtnoten erinnern erstmals an getrocknetes Obst. Marille, Feige. Außerdem Nuss und Mandel. Fast ein wenig Kastaniencreme. Am Gaumen dann noch Tee und Orangenzeste. Aber – wie soll ich es sagen – richtig groß wird der Wein vermutlich erst in 10 bis 15 Jahren. Wäre er ein kleines Kind, er wäre gesund, munter, aufgeweckt, würde schnell lernen und seinen Eltern viel Freude machen. Zu Hunden und Katzen würde er noch ‚wf wf’ sagen.

 

Piper-Heidsieck Rare Millesime 2002
Schon viel reifer, erstaunlicherweise aber auch noch ziemlich frisch und jugendlich, präsentiert sich der 2002er. Allerdings mit dem Unterschied, dass er schon deutlich mehr Substanz, Kraft und Finesse als der 2006 hat. Im Champagnerglas wirkt der arme Teufel wie eingesperrt. Der gehört raus aus dem Schlauch! Unbedingt im klassischen Universal-Glas probieren. Dann sind da: rauchig-karamellige Noten, Blütenhonig, Macadamia-Nüsse, reife Orangen. Abgang quasi Ende nie. Ein Renaissancewein, der die Geist der Kathedrale von Reims ins Glas bringt. Aber auch da: bitte warten. 5 Jahre. Sie werden es nicht bereuen. Gereicht übrigens zum Maishuhn mit Steinpilzsauce und Polenta. Wär nicht notwendig gewesen.

 

Piper-Heidsieck Rosé Sauvage
Der Rosé ist nicht rosé sondern rot. Hellrot eben, und er wirkt farblich eher wie Vernatsch vom Kalterer See. Assemblage aus Chardonnay und 20 % ausgesuchten Rotweinen der Champagne. 20 % ist viel. Daher auch die intensive Farbe. Daher aber auch der Gerbstoffgrip, die Struktur und das expressiv rotbeerige Aroma (Cranberries, Ribisel, Cassis und mehr). Hinter den roten Beeren dann Zitrus, Mandarine, Grapefruit. Wurde als Begleiter zu Apfelkuchen mit roten Beeren serviert. Zu den roten Beeren (es waren Himbeere, Ribisel und noch was) natürlich eine Steilvorlage. Die Kombination war dann auch ausgezeichnet, noch besser aber war der Rosé Sauvage zum Apfelstrudel. Zu dem wurde nämlich der Cuvée Sublime empfohlen, was ich weder nachvollziehen noch empfehlen kann. Der Sublime ist ein demi-sec Champagner, also leicht süsslich. Ich bin sicher, dass es dafür einen Markt gibt, hoffe aber gleichzeitig, dass dieser Markt so weit wie nur möglich von mir entfernt liegt.

 

Um nicht mit bad vibes zu schließen: der Abend war grandios, die Weine (bis auf den letzten) ebenfalls. PIPER-HEIDSIECK werkt als Champagner-Haus seit 1785. Wenn die so weitermachen, mache ich mir um sie keine Sorgen. Danke Thomas Breitwieser für die Einladung.

 

 

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