Zur Feier des Tages: Mosel, Bolgheri und Bordeaux

 

 

 

 

 

20 Jahre ist der WeinWisser alt. Ich bin ja erst seit kurzem Abonnent. Aber beim Geburtstagfeiern bin ich dabei. Es hat sich gelohnt.

 

2004 Zeltinger Sonnenuhr Riesling Spätlese, Markus Molitor (Mosel)
Eigentlich war das der Aperitifwein. Aber was für einer! Frisch und jugendlich, als hätte er kaum zwei, drei Jahre auf dem Buckel. Ganz ganz helles, noch leicht grünliches Strohgelb, mit noch heller funkelndem, silbrigem Schein. In der Nase ist der Wein sauber, wirkt atemberaubend jung und agil. Die Komplexität offenbart sich in einem reifen, exotischen Früchtekorb par excellence. Zauberhafte Fruchtsüsse und verführerische jugendliche Strahlkraft. Jedenfalls ein fulminanter Auftakt für die Veranstaltung.

2007 Brauneberger Klostergarten ** Pinot Noir, Markus Molitor (Mosel)
Mosel und Pinot? Markus Molitor meint, das wäre historisch. Glaube ich ihm. Ganz früher vielleicht. 1933 wurde der rote Burgunder an der Mosel verboten. Just zu einem Zeitpunkt, an dem es mit den deutsch-französischen Beziehungen nicht zum besten Stand und in Deutschland eine Ära eingeleitet wurde, die wenig Hoffnung auf Verbesserung bot. Aber das ist Spekulation. Keine Spekulation ist dieser Wahnsinns-Pinot. Seit 1987 darf wieder gepflanzt werden und der Brauneberger Klostergarten ist ein stattliches Argument für diese Entscheidung. Helles Rubin, in der Nase erst einmal unglaublich würzig. Dann wird es deutlich rustikaler. Feine, mineralische Graphitnoten, die dem Schieferboden geschuldet sind, dunkle, rote Waldbeerenfrucht und ganz leicht ledrige Noten. Der Wein hat seine Vorbilder deutlich im Burgund, und er kommt ihnen schon verdammt nahe. Für mich eine Überraschung, aber eine ziemlich positive.

2003 Graacher Himmelreich Riesling Auslese*, Markus Molitor (Mosel)
Dass 2003 ein heisses Jahr war, ist hinlänglich bekannt. Dass es an der Mosel im Sommer teilweise über 40 Grad waren schon weniger. Frühe Ernte, hohe Zuckergradationen, enorme Alkoholwerte und – gelinde gesagt – zurückhaltende Säure waren die Folge. Markus Molitor hat seine trotzdem später als die anderen geerntet. „Sie sind zwar süss, aber nicht physiologisch reif“, hat er damals argumentiert und seine Graacher Himmelreich – Auslese zeigt, wie recht er hatte. Späte Ernte, lange Mazerationszeiten, um dem Wein eine Struktur zu verpassen. Reinzuchthefen und Enzyme bekommen Molitors Weine ohnehin nicht zu sehen. Der Wein ist ein Machtwort. Griffige Säure, Eleganz und ein stattlicher Körper am Gaumen. In der Nase hochreife exotische Früchte, Steinobstnoten und viel wilder Honig. Immer wieder ist der 2003er am Tisch nachbestellt worden. Zur Terrine (wo er der stimmigste Wein des Dreier-Flights war), später auch zum geschmorten Rind (wo er eine viel bessere Figur machte, als der Ornellaia), zum italienischen Käse (wo er den Cos D’Estournel in die Schranken wies). Was soll ich sagen? Der Wein ist einfach gut.

1997 Ornellaia Bolgheri DOC Superiore
Mit 3 Weinen ist Leonardo Raspini aus Bolgheri angereist. Der eine eine Spur zu alt, der andere eine Spur zu jung und mit einem, der sowas von am Punkt ist, dass es Freude ist. Aber der Reihe nach. Der 97er gehört für mich nicht zu den Rennern. Rauchig-röstig bis zum Abwinken, aber mehr als die morbiden Tabaknoten ist da nicht mehr. Am Gaumen noch der verblichene Rest früherer Eleganz, in Summe aber ein Kandidat für René’s berüchtigem „We should have met earlier.“

2004 Ornellaia Bolgheri DOC Superiore, Tenuta dell’Ornellaia
Davon könnte ich mehr trinken. Nicht nur ich. Im ganzen Saal war es der gefragtesten Weine einer. Sogar Monsieur Prats von Cos hat sich mehrfach nachgeschenkt. Ein vollmundiger, fruchtig-eleganter, reifer und gut situierter Wein, der noch viele Jahre vor sich hat. 04 war halt einfach ein großartiges Jahr. 60 % Cabernet, 25 % Merlot, 12 % Cabernet Franc und eine Messerspitze Petit Verdot machen zwar nicht den italienischsten aller Weine, klammert man die Herkunft aber aus, bleibt ein sensationeller Wein, der zu den besten unter den Ornellaias zählt. 2009 ist übrigens so jung, unreif und ungestüm, dass nur Fruchtkonzentratfetischisten eine Freude daran haben. Alle anderen sollten ihn im Keller einmauern.

1995 Château Cos d’Estournel
Zum Schluss (und zum italienischen Käse) präsentierte René Gabriel eine Serie (irgendwie verschlucken die Schweizer das letzte e und reden von einer Seri. Keine Ahnung, wie sie das im Plural machen. Seris? Wahrscheinlich kommt das e dann wieder ins Spiel). Wurscht. Jedenfalls ein wunderschöner Flight, der kristallklar vor Augen führt, dass Bordeaux die Nase vorne hat, wenn es um langlebige, kraftvolle und elegante Rotweine geht. Gut, das ist jetzt vielleicht ein bisschen verallgemeinernd, aber der Eindruck der beiden Cos ist noch recht präsent und hat mich nachhaltig begeistert. 1995 hat unglaublichen Ausdruck. Maskulin und stimmig. Ein Wein, der mit sich im Reinen ist. Fifty-fifty das Verhältnis Cabernet & Merlot (was für Cos ein unüblich hoher Merlot-Anteil ist), perfekt integriertes Holz, markanter Gerbstoff. Die Aromen schwanken zwischen dunkler Schokolade und Kaffee, rauchigem Selchspeck und tiefdunkler Beerenfrucht. „Da steckt Musik drin“, meint Jean-Guillaume Prats vom Château und trifft damit genau ins Schwarze.

2004 Château Cos d’Estournel
Noch ein Hammer-Wein. Besser gesagt, ein Wein, der aus der Tiefe zu uns spricht. Tiefdunkel und tiefgründig. Trotzdem feurig und wild. Wie der Balrog, der Dämon aus den Tiefen von Khazad-dûm, der  mit Gandalf rang (falls jemand sich an den Herrn der Ringe erinnert). René Gabriel hat den Wein mit Ermitage verglichen. Auf den ersten Blick würde mir da der Würze-Aspekt fehlen. Von der rauchigen Mineralik her, kann ich den Vergleich aber durchaus nachvollziehen. Jedenfall ist der 2004er ein ernster, grandioser und vielschichtiger Bordeaux, der mit einer Kombination aus Buchenrauch und Lakritz daherkommt und selbstbewusst und unbeugsam im Glas steht. Großartiger Abschluss des WeinWisser-Jubiläums.

 

Herzlichen Dank an die Winzer, Redakteure und natürlich den Herausgeber.

 

 

 

 

 

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